Newsletter 09. Oktober 2026
verfasst von Hartwig Thomas

Newsletter online: https://www.schellack-archiv.ch/repository/newsletter/26-NL0004Z.html

Laufend kommen neue digitalisierte Tonspuren von Schellackplatten in das Archiv der Schweizerischen Stiftung Public Domain. Diejenigen, die uns irgendwie interessant vorkommen, werden jeweils in unregelmässigen Abständen in unserem Newsletter vorgestellt.

Dieser Newsletter dokumentiert zwei Schenkungen: Unterhaltungsmusik von Georg Ammann, Pfäffikon ZH und klassische Musik von Theo Haldemann, Zürich und enthält einige persönliche Reminiszenzen.

Unsere Website (https://www.schellack-archiv.ch/) enthält nähere Erklärungen zum Stand unserer Arbeiten.


Inhalt dieses Newsletters

English Summary
Grosse Doubletten-Liste
Spenden und Unterstützung

Schellack-Happening am 24. Oktober im KMM
Schenkung Georg Ammann
  Schellack-Knappheit
  Helvetica
    Schlager
    Klassische Orgelmusik
    Patriotisches
    Tessin
    Romandie
    Deutschschweiz
    Fräulein! Händ si mis Hündli gsee?
  Populäres
  Marschmusik
  Verschiedenes
  Schlaflied-Reminiszenz
Schenkung Theo Haldemann
  Symphonie-Orchester
  Klavier & Violine
    Klaviermusik von Frédéric Chopin
    Klaviermusik von Franz Liszt

English Summary

This newsletter documents the progress in establishing an inventory of the archive of shellac records of the Swiss Foundation Public Domain. The records mentioned below can be accessed through the following playlists and albums:

Donations are sorely needed to pay for the materials and the rent of the storage space.


Grosse Doubletten-Liste

Da sich verschiedene Interessenten für unsere Doubletten interessieren, haben wir eine neue Liste mit Doubletten hergestellt. Diese besteht aus rund 5'000 Platten (10'000 Plattenseiten).

Schellackplatten kann man auf herkömmlichen Plattenspielern abspielen, sofern diese neben 33 und 45 auch auf 78 rpm (Umdrehungen pro Minute) eingestellt werden können. Spezielle Nadeln sind nicht nötig, können aber - besonders bei ganz alten Platten - die Abspielqualität etwas erhöhen.

Unsere Platten enthalten keine Brüche, sind sauber abgewischt und werden in Pergaminhüllen ausgeliefert. Jede solche Platte kostet CHF 5.00 plus Verpackungs-/Porto-/Transport-Kosten. Letztere sind bei kleinen Bestellungen ziemlich teuer, da die Verpackung bruchsicher sein muss. Man kann die Platten auch in Rüti vor Ort abholen. Bei grösseren Bestellungen ist mit Lieferfristen von 1 Monat für 1000 Platten zu rechnen.

Keine Qualitätsgarantie

Nachdem wir über 20'000 Platten digitalisiert haben, wissen wir, dass die akustische Qualität nicht optisch beurteilt werden kann. Manche Hersteller haben Platten ausgeliefert, die ungespielt ("mint quality") schrecklich rauschen, kratzen und pfeifen. Da die Umdrehungsgeschwindigkeit so gross ist, hören sich auch Platten, die optisch ziemlich benutzt aussehen, manchmal hervorragend an.

Qualitätsprüfung vor Kauf

Deshalb bieten wir auch professionell gewaschene und akustisch geprüfte Doubletten an. Wer an einem Titel interessiert ist, bezahlt vorgängig CHF 25.00 für das Waschen und Prüfen und kann sich online von der akustischen Qualität überzeugen, bevor er die so erfassten Platten des Titels für CHF 25.00 pro Platte bestellt.

Spenden und Unterstützung

Twint-Code

Die Schweizerische Stiftung Public Domain ist dringend auf Spenden angewiesen, um die Lagermiete und das Archivmaterial (Plattenhüllen, Archivschachteln) und externe Digitalisierungen von Tonbändern zu bezahlen.

Sämtliche Arbeit am Archiv wird ehrenamtlich geleistet.

Bitte unterstützt diese Arbeit!

Mitgliedschaft Förderverein

Wer wünscht, dass das Schellackplatten-Archiv auch längerfristig besteht, wird gebeten, dem Förderverein beizutreten.

  • Mitglieder (100 CHF/Jahr),
  • Gönner (250 CHF/Jahr) und
  • Institutionen als Mitglieder (2000 CHF/Jahr)

Helfer gesucht

Man kann uns auch unterstützen, ohne etwas zu spenden. Wir suchen Helfer auf folgenden Gebieten:

  • Bekanntheit des Schellack-Archivs steigern
  • Treffen organisieren
  • Präsenz auf Social Media aufbauen und pflegen
  • Wikipedia-Einträge für Interpreten und Komponisten unserer Platten erstellen
  • Kontakte mit anderen Organisationen aufnehmen und pflegen
  • Redaktion Newsletter
  • Unsere Internet-Radio-Kanäle technisch betreuen
  • Unsere Internet-Radio-Kanäle inhaltlich betreuen
  • Fundraising

Es genügt, uns Interesse an Mithilfe als Antwort auf diesen Newsletter zu bekunden.

Schellack-Happening:
Sa 24. Oktober 2026
14:00-18:30 Uhr
in unserem Büro im
KMM-Kulturzentrum, Edikerstrasse 16, 8635 Dürnten

Mechanischer Plattenspieler
Mechanischer Plattenspieler
Digitalisierungs-Station
Digitalisierungs-Station
Anlässlich des Umzugs unseres Büros auf Ende Oktober vom KMM-Dürnten nach Rüti ZH offerieren wir viele Schellackplatten für CHF 2.00 pro Stück zum Verkauf. Es handelt sich um Doubletten in unserem Archiv, die nicht auf unserer Liste erfasster Doubletten stehen.
Diese Platten können während diesem Schellack-Happening vor Ort auf einem historischen, mechanischen Plattenspieler oder auf unserer modernen Digitalisierungs-Station abgespielt und angehört werden.

Schellackplatten kann man auf modernen Plattenspielern abspielen, sofern man sie auf 78 rpm einstellen kann. (Experten analoger Musik nutzen spezielle Nadeln zum Abspielen alter Platten. Das ist nicht absolut notwendig, kann aber einen etwas authentischeren Klang erzeugen.)

Schliesslich kann man Plattenhüllen und (leere) Alben mit originalem Titeldesign erstehen.

Die Erlöse gehen an das Schellack-Archiv.

Alle Interessenten sind herzlich willkommen zu einem informellen Austausch auch wenn sie nichts kaufen wollen.


Schenkung Georg Ammann

Die Schenkung von Georg Ammann, Pfäffikon ZH enthält vorwiegend Unterhaltungsmusik. Zum Beispiel berühmte Schlager wie etwa La vie en rose von Louis Armstrong, oder Lili Marlen von Lale Andersen, ein Schlager, der anscheinend bei Soldaten auf beiden Seiten der Kriegshandlungen Anklang fand.

Zwischen den Platten fanden wir auch Text-Zettel, Werbe-Listen und andere Dokumente.


Schellack-Knappheit

Neue Platten gegen alte
Neue Platten gegen alte
Mahnung
Mahnung

Eine Mahnung der Plattenhandlung Hug, alte Platten zurückzugeben und ein Aufruf, alte beschädigte Platten abzugeben, erinnert daran, dass 1941/42 eine Schellack-Knappheit bestand. Gemäss Oestreicher erreichte der Preis für Schellack das Zwanzigfache des Vorkriegsniveaus. Anscheinend wurde Schellack von der Rüstungsindustrie benutzt. Man experimentierte mit Ersatzmaterialien (z.B. PVC) für Schellack bei der Schallplattenproduktion. Alte (beschädigte) Platten wurden zermahlen und für die Produktion neuer Platten verwendet. Die Recyclingaktion ist mit ein Grund, warum Platten vor 1945 seltener sind als spätere. Nicht nur in der Schweiz, sondern zum Beispiel auch in den USA.


Helvetica

Wir fanden besonders viele Platten mit Bezug zur Schweiz, die wir in einer Playlist Helvetica zusammengefasst haben.

Hier findet man nicht nur Schlager und klassische Orgelmusik, nicht nur Patriotisches wie das Appenzeller Landsgemeinde-Lied oder die Lieder und Märsche zur Schweizerischen Landesausstellung 1939 ("Landi 39"), nicht nur Volkstümliches aus dem Tessin, dem Welschland, der Deutschschweiz, nicht nur Marschmusik, sondern auch Zürcher Kabarett und Zürcher Kirchenglocken.

Schlager

Vico Torriani
Vico Torriani
Vico Torriani landete 1949 mit Silberfäden einen Hit, der auch auf Kino-Orgel oder in Dänemark gespielt wurde. Die Vorlage Silver Threads Among the Gold wurde 1873 in den USA publiziert und war beliebt als zum Piano gesungene Hausmusik. Vico Torriani machte mit seinem Text daraus eine Reverenz an seine Mutter.

Beliebtheit bei Müttern und Grossmüttern ist ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor für populäre Musik. Sie hat nicht nur Heintje mit Mama zum Grosserfolg geholfen und sichert heute Elvis und Rock'n Roll einen lange andauernden Erfolg.

Lale Andersen, Artur Beul
Lale Andersen, Artur Beul
Auch die oben erwähnte Lale Andersen hätte auf die Helvetica-Liste gepasst, da sie 1949 den Schweizer Komponisten Artur Beul heiratete und seine Lieder sang.

Klassische Orgelmusik

Hans Vollenweider
Hans Vollenweider
Der weltberühmte Hans Vollenweider war Organist am Grossmünster Zürich, als er zum Beispiel die Sonate in D-Dur einspielte. (Die auf dem Plattenlaben erwähnten Lebensdaten des Komponisten Leonardo Vinci helfen, sollen wohl Verwechslungen mit dem berühmten Leonardo da Vinci vermeiden helfen.)

Patriotisches

Die Schweizerische Landesausstellung 1939 ("Landi 1939") fand kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs statt und stand im Zeichen der gegen deutsche Einvernahmung gerichteten Schweizer Selbstbehaupung, die später als "Geistige Landesverteidigung" bezeichnet wurde.

Landi Schwebebahn
Landi Schwebebahn
Eine eigens für die Landi gebaute Schwebebahn verband Wollishofen mit dem Zürihorn und wurde ein grosser Publikumserfolg.

S Landi-Dörfli Text
S Landi-Dörfli Text
Uf der Landi-Schwäbibahn Text
Uf der Landi-Schwäbibahn Text

Zu diesem Fest erschien auch eine Schallplatte mit den Liedern S Landi-Dörfli und Uf der Landi-Schwäbibahn gesungen von damals sehr beliebten Schweizer Sängern. Und die Plattenfirma verteilte dazu Text-Zettel zum Mitsingen.

Auch ein offizieller Festmarsch Zwischen Rhone und Rhein / Du Rhône et Rhin wurde für die Landi komponiert und auf Schallplatte verkauft. Und auf der Rückseite dieser Platte spielte die Stadtmusik Zürich den Strassenmarsch Gandria "empfohlen von der Schweiz. Landesausstellung 1939". (Erinnert mich irgendwie an "von Babys empfohlen" in der Werbung für Pampers. Weder Babys noch die Landi dürfte jemals jemandem etwas empfohlen haben.)

Tessin

Tessiner Beiträge enthalten mehrheitlich Volkslieder wie Cucù, die wir noch in der Schule gesungen haben, sowie die Versicherung, dass Tessiner Soldaten tapfer sind.

Bambini Ticinesi
Bambini Ticinesi
Die Helvetica-Kollektion enthält einige Aufnahmen der "'Bambini Ticinesi' unter der Leitung von Maestro Arnaldo Filipello (1887–1953), der schon bald auch nördlich des Gotthards und sogar im Deutschland Goebbels’ Bekanntheit erlangen sollte." wie wir einer Website über das Radio Monte Ceneri entnehmen, aus der auch das Bild stammt.

Zum Beispiel die rührende Hymne an die Schule.

Romandie

In der Romandie wurde neben vielen anderen welschen Liedern eine Hymne auf Greyerz gesungen.

Fête des Vignerons
Fête des Vignerons
Die Fête des Vignerons 1927 gab Anlass für mehrere Kompositionen und Schallplatten:

Deutschschweiz

Die Deutschschweiz ist mit Ländlern, Chören, Märschen aus vielen Regionen vertreten.

Wenn am Zürichsee Text
Wenn am Zürichsee Text
Am Sonntag fährt man Velo Text
Am Sonntag fährt man Velo Text

Eine besondere Erwähnung verdient Lasar Pugatsch, der viele Lieder über Zürich geschrieben hat. Online findet man kaum etwas über ihn ausser, dass er zusammen mit Max Lichtegg und anderen berühmten Künstlern den Verein Omanut gegründet hat. In dieser Sammlung haben wir Wenn am Zürichsee die Bäume blüh'n und Am Sonntag fährt man Velo zusammen mit den zugehörigen Text-Zetteln gefunden.

FCZ Jodel-Doppelquartett 1929
FCZ Jodel-Doppelquartett 1929
Es gab einmal ein Jodel-Doppelquartett des FCZ, das hier Und d'Maitschi händ d'Buebe verfüehrt singt.

Fräulein! Händ si mis Hündli gsee?

Den Anfang des Marsch des Inf.-Regiments 23 habe ich als Kind als Zweizeiler von Gleichaltrigen gehört:

      Fräulein! Händ si mis Hündli gsee?
      Fräulein! Ich gsee-n-es niene mee!
      Fräulein! ...
      

Wie bei so vielen populären Textanfängen zu Musikstücken (z.B.: "Wenn der Hund mit der Wurst übern Eckstein springt ...") irritiert es mich, dass der Text nicht mindestens eine volle Strophe abdeckt. Aber niemand wusste, wie er nach diesem vielversprechenden Anfang weitergeht ...

Ich warte immer noch auf eine komplette Strophe zur Melodie dieses "River Kwai Marschs", wie ich diese Musik später - lange bevor ich den Film sah - nennen lernte. Zum Beispiel als Zürich-Hymne: "Züri! Das liit am Zürisee. Züri! ...".

Als ich vor ein paar Wochen auf diese Platte stiess, lernte ich dank Wikipedia, dass das Stück vor dem Ersten Weltkrieg 1914 von einem Briten komponiert wurde und den Titel "Colonel Bogey" trug. Was es mit dem "Inf.-Regiment 23" auf sich hat, konnte ich nicht eruieren. Zur Bezeichnung "Colonel Bogey" fand ich dagegen mehrere Erklärungen.

Nicht jede Marschmusik hat ihren Ursprung im Militär. Gut Holz! entstammt zum Beispiel der Welt des Kegelns. Und der Colonel-Bogey-Marsch verdankt seine Entstehung dem Golfspiel. Der British Army Bandmaster Kenneth J. Alford soll bei einem Golfspiel einen alten Oberst - eben Colonel Bogey - gehört haben, wie er jeweils zwei Töne in einer eine absteigende kleinen Terz pfiff, um Personen zu warnen, die sich in der Fluglinie des Golfballs aufhielten. Die Aitiologie der Benennung mag zweifelhaft sein, aber der Marsch ist tatsächlich zentral auf das Intervall der ersten zwei Töne ausgerichtet, die im Laufe der Melodie mehrfach wiederholt werden. Und dass sie sich besonders gut zum Pfeifen eignet, wurde im Film "The Bridge on the River Kwai" ausgenutzt, wo die britischen Kriegsgefangenen in das Arbeitslager der Japaner im Gleichschritt einmarschieren und dazu diesen Marsch pfeifen, da ihnen natürlich keine Militärmusik zur Verfügung steht.


Populäres

Will Glahé
Will Glahé
Die Schenkung von Georg Ammann enthielt natürlich auch populäre Musik ohne Bezug zur Schweiz. In einer separaten Playlist haben wir die Platten mit der Musik von Will Glahé zusammengestellt.

Reginald Foort
Reginald Foort
Auch Aufnahmen weltlicher Orgeln - Kino-, Theater-, Konzert-Orgeln - waren so häufig vertreten, dass wir sie separat zusammengestellt haben. Die "Gigantische Möller Konzert-Orgel" von Reginald Foort kommt in der Light Cavalry Ouvertüre (Seite 1, Seite 2) besonders gut zur Geltung.


Marschmusik

Franz von Blon
Franz von Blon
Marschmusik ist auch ohne Schweizbezug in der Schenkung reichlich vertreten. Der Titel des oben erwähnten Deutschen Kegler Marschs Gut Holz! ist heute noch der Glückwunsch, mit dem man sich an Keglerturnieren begrüsst.


Verschiedenes

Robert MacGimsey
Robert MacGimsey
Schliesslich fand sich noch Leichte Musik, Gesang - vorwiegend aus Opern - und Seltsames in der Schenkung. So zum Beispiel Harmonie-Pfeifen von Robert MacGimsey.


Schlaflied Reminiszenz

Meine Eltern flüchteten aus der DDR etwas mehr als ein Jahr nach deren Gründung 1949. Eine Mauer gab es damals noch nicht. Sie nahmen einfach die S-Bahn in Berlin und stiegen an einer Haltestelle in West-Berlin aus. Weil das Verlassen der Ost-Zone verboten war, konnte man nicht viel mehr mitnehmen als was man auf dem Leib trug. Sie waren nicht an Leib und Leben bedroht und strebten auch keine wirtschaftliche Verbesserung an. Es gibt eben nicht nur Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge, sondern auch Unfreiheitsflüchtlinge. Deutschland hatte zu dieser Zeit eine gut eingespielte Flüchtlingsverwaltung, die schon Millionen "Binnenflüchtlinge" aus Polen und der Tschechoslowakei reloziert hatte. Man wusste, wo man diese in Westberlin zu suchen hatte. Nach ein paar Monaten im Flüchtlingslager in Berlin wurden sie nach Clausthal-Zellerfeld im Harz geschickt. An diesem Kältepol Deutschlands mit überwiegend männlicher Bevölkerung gab es Bergwerksindustrie und eine Technische Universität, wo mein Vater in Physik promovieren konnte. Dort bin ich geboren.

In Spendenaufrufen sieht man immer wieder bedauernswerte Flüchtlingskinder. Die Fundraiser wissen, dass man für arme Tiere und Kinder mehr Spenden generieren kann als etwa mit Schellackplatten. Ich merkte natürlich nicht, dass ich ein bedauernswertes Flüchtlingskind war, und fühlte mich durchaus wohl. Wir hatten ein kleines Zimmer, litten keinen Hunger, hatten einen Ofen und ein WC separat vor dem Haus, das ich glücklicherweise dank Töpfchen-Alternative nicht benutzen musste, da es im Winter ganz schön kalt war. Mit Bleistift, Zollstock, Zirkel, Taschenmesser, Laubsäge und Schmirgelpapier stellte mein Vater meine ersten Bauklötze aus Brennholz her. Unsere Kleider wurden von meiner Mutter auf einer geschenkten, uralten Nähmaschine zusammengenäht. Wer kein Geld hat, muss Zeit haben.

Guten Abend, gute Nacht
Guten Abend, gute Nacht
Und wer kein Geld hat, muss selber Musik machen. Meine Mutter spielte damals auch noch viel klassische Musik auf ihrer Violine. Schliesslich war sie Tochter eines Musiklehrers in Rostock. Abends sang sie für mich Schlaflieder aus einem Büchlein "Guten Abend, gute Nacht", das vor allem Wiegenlieder berühmter Komponisten enthielt.

So kam es, dass ich bis vor Kurzem davon überzeugt war, dass Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein von Wolfgang Amadeus Mozart stammt. Die etwas schlüpfrige zweite Strophe war Mozart durchaus zuzutrauen. Sie wurde von meiner Mutter wohl jeweils weggelassen.

Auch in dem Schlosse schon liegt
Alles in Schlummer gewiegt;
Reget kein Mäuschen sich mehr;
Keller und Küche sind leer.
Nur in der Zofe Gemach
Tönet ein schmelzendes Ach.
Was für ein Ach mag das seyn?
Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein!
Schlaf ein! schlaf ein!

Ich war also überrascht, dass auf dieser Platte ein "Fries" als Komponist angegeben wurde. Das hat mich dazu motiviert, online Genaueres zu suchen. Gemäss französischer Wikipedia wurde das Lied 1799 als Komposition von Mozart und publiziert und kam 1803 als Werk von Bernhard Flies heraus. Der Text stammt aus einem Schauspiel "Esther" von Friedrich Wilhelm Gotter. Die Musik wird heute Johann Friedrich Anton Fleischmann zugeschrieben, der sie 1796 für sein Singspiel "Die Geisterinsel" komponiert haben soll. Dass der erste Takt identisch mit dem bekannten Wiegenlied ist, ist allerdings eine eher dünne Begründung für dessen ursprünglicher Urheberschaft. Zum Glück gab es damals noch kein Urheberrecht!

Dass dieses Liedchen immer Mozart zugeschrieben wird, war auch den Wiener Sängerknaben bekannt, als sie diese Platte aufnahmen. Warum insistieren sie auf der Angabe "(Musik & Text: Fries - Arrang. Fritz Krull)"? Stützen sich die überirdischen Sopran-Verzierungen der zweiten Strophe auf der Ausgabe von 1803? Oder wurden sie von Fritz Krull hinzugefügt? Dem Einschlafen förderlich sind sie jedenfalls nicht.

Schenkung Theo Haldemann

Die Schenkung von Theo Haldemann, Zürich enthält ausschliesslich klassische Instrumentalmusik. Darunter sehr viele Alben von Sonaten, Konzerten und Symphonien, die natürlich nicht auf die zwei Seiten einer einzigen Schellackplatte passen.


Symphonie-Orchester

In der Playlist Symphonie-Orchester sind die Stücke zusammengefasst, die auf eine Platte passen.

Daneben enthielt die Schenkung noch diese Alben mit Orchester-Werken (Symphonien und Konzerten):


Klavier & Violine

In der Playlist Konzert & Violine findet man klassische Solo-Aufnahmen.

Béla Bartók
Béla Bartók
Erwähnenswert sind die "Roumanian Folk Dances" (Seite 1, Seite 2). Der Ungar Béla Bartók hat nicht nur bestechende moderne Musik kompiniert, die irgendwo zwischen Gershwin und Stravinsky angesiedelt ist, sondern sich auch als Musikethnologe betätigt. In ausgedehnten Reisen durch Ungarn, Rumänien, Siebenbürgen, die Slowakei und die Türkei sammelte er systematisch musikalisches Volksgut - teils als Tonaufnahme (Wachszylinder), teils schriftlich notiert.

Auch in diese Kategorie fallen viele Alben mit längeren Sonaten:

Klaviermusik von Frédéric Chopin

Die vielen kürzeren Stücke mit Klaviermusik von Frédéric Chopin sind hier in einer separaten Playlist zusammengefasst.

Klaviermusik von Franz Liszt

Auch die Klaviermusik von Franz Liszt war in der Schenkung so zahlreich vertreten, dass sich eine separate Playlist aufdrängte. Dazu passt noch ein Album in diese Kategorie:
Franz Liszt Mephisto-Walzer gespielt von Géza Anda


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